Inkognito geht anders

Heute habe ich unterwegs Telefongespräche belauscht.

Ein Mann erzählte seinem Kumpel, dass er sich heute freigenommen habe und jetzt zum Sport fahre. Wie es ihm gehe? Ja. Freundin okay, Wohnung okay, Job okay.
Es gab einen kurzen Bericht über die aktuelle Berufssituation, dann wurde der gesundheitliche Zustand eines Familienangehörigen erörtert. Doch da schaltete ich (mühsam) ab, weil ich mehr gar nicht wissen wollte.

Jugendliche sind da grundsätzlich noch offener. Du erfährst einfach alles.
Gut, es ist mitunter schwierig, den ganzen komplizierten Handlungstrang eines komplexen Teenagervormittages nachzuvollziehen. aber vorausgesetzt, du kannst dem "ey, Alta, habisch doch gesagt, aba die Zicke ey, die geht ga nich! Mit der red isch kein Wort, die Hackfresse, ey! Und der Scheißmathelehrer, voll der Arsch, bin isch einfach gegangen!" folgen, biste VOLL informiert, Alta...

Faszinierend find ich auch immer, wenn jemand Dauergespräche in einer mir fremden Sprache, aber einer Lautstärke führt, so dass der ganze U-Bahn-Waggon teilhaben kann. Das ist ein bisschen so, als würde ein Polizeiwagen bei laufender Sirene im Stau stecken: du kannst sie nicht abstellen, aber du weißt auch nicht, was so dringend ist.

Nebenbei, ich finde, "belauschen" ist wohl kaum mehr das richtige Wort, wenn man zu beschreiben versucht, wie man wahllos über das Privatleben wildfremder Menschen informiert wird, die zufällig die selbe Sitzbank mit einem teilen.

...es ist schon eine merkwürdige Zeit, in der ich lebe. Menschen vertrauen Persönliches ungeniert, unbewusst oder gleichgültig jedem an, der ihren Weg kreuzt, inszenieren ihre Metamorphose von der Pubertät in die Pubertät in Containern und Casting Shows oder berichten der Welt über die beachtlichen Belanglosigkeiten ihres Alltags in einem Blog.

Verrückte Leute gibts.

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