Samstag, 18. Dezember 2010

Hautfarbe

"Kann ich mal deine Hautfarbe haben?"

Immer wieder höre ich bei Kindern, die malen oder ausmalen, die Frage nach dem "Hautfarbe-Stift".
Das ist eine Farbe, die wohl tatsächlich irgendwann in die Stifte-Palette für Kinder aufgenommen wurde, um es Kindern abzunehmen, durch Mischen der Farben den gewünschten Hautfarbeton zu treffen.
Die Farbe des Hautfarbestifts heißt auch tatsächlich Hautfarbe. Auf der Packung steht dann zum Beispiel: rot, orange, gelb, hautfarbe, blau, grün, braun, schwarz. Manchmal wird die Bezeichnung durch "helle Hautfarbe" erweitert.

Man beachte übrigens das sich auf der Verpackung (s. Foto) befindliche Prädikat "von Lehrern empfohlen" und den Hinweis "ideal zum schreibenlernen...". Dass sich beides natürlich auf die Dreiecksform der Stifte bezieht, macht meiner Ansicht nach den geduldeten Rassismus an dieser Stelle nur noch deutlicher.

In meiner Klasse habe ich vier dunkelhäutige Kinder, die, obwohl sich ihrer eigenen Hautfarbe bewusst, ihre gemalten Menschen, Weihnachtsmänner und Engel mit einer hellen Hautfarbe versehen und nach dem Hautfarbestift greifen. - Tja, nun! wenn Hautfarbe eben so aussieht, dann sieht Hautfarbe eben so aus.

Ich würde sagen, da war die Buntstifte-Industrie doch sehr erfolgreich. Herzlichen Glückwunsch.

Donnerstag, 16. Dezember 2010

Winterallerlei

Der Winter hat uns im Griff. Schneefront auf dem Vormarsch. Hilfe, ich kann mein Haus nicht finden. Schneemann gestohlen.

So oder so ähnlich lauten dieser Tage die Schlagzeilen.
Die vorweihnachtliche Hektik, die meinetwegen nun endlich ihre Berechtigung findet (nur noch 8 Tage und ich habe noch kein einziges Geschenk, geschweige denn Ambitionen dieser Art), wird vom Schnee zwar einigermaßen gedämpft. Aber der Winter, der uns angeblich (wir Berliner sind ja soo egozentrisch!) lahmgelegt haben soll, sorgt eher dafür und das sehr gewissenhaft, dass die Menschen sich noch über etwas anderes Gedanken machen können, als über Terrormeldungen oder wiki*eaks.

Ja, die S-Bahn ist kein ernstzunehmendes Verkehrsmittel und fährt manchmal einfach zurück, anstatt weiter. Okay, der Bus kommt oft zu spät. Und stimmt, die U-Bahnen sind total verstopft.
Dafür laufe ich morgens eine Viertelstunde, was viel gesünder ist, als 5 Minuten bequem im Bus zu sitzen. Kleine Kinder sind so lustig eingepackt, dass sie wie Geschenke aussehen und wie Pinguine laufen. Der Schnee lässt alles heller erscheinen, wo es sonst dunkler wäre. Und auf eb*y kann man Schneehaufen ersteigern, falls man keinen mehr abgekriegt hat.
Manchmal nervt es zwar ein bisschen, wenn man den dritten Tag in Folge von den selben U-Bahn-Musikanten mit den selben Weihnachtsliedern in Stimmung versetzt werden soll. Aber letztlich war ich vor ein paar Tagen doch sehr dankbar für den flotten Weihnachtboogie, der mich vorübergehend von der Anspannung befreite, die ein Feuerwehreinsatz mit unbekannter Ursache auf der U-Bahnlinie ausgelöst hatte.

Was mich allerdings wirklich etwas verdrießlich stimmte, waren heute die zwei schicken Männer auf der Baustelle: die hätten mit nacktem, glänzendem, muskelbepacktem Oberkörper und ihren Presslufthammern in der Sommersonne definitiv für entrückte Verzückung gesorgt, aber wirkten in Winterkleidung immerhin vielversprechend.

Die BSR ließ jedoch vorsorglich verkünden: Wir können etwas gegen den Winter tun, aber verhindern können wir ihn nicht.

Freitag, 10. Dezember 2010

Vom Lesenlernen

Als ich lesen lernte, habe ich meine Mutter halb wahnsinnig gemacht. Alles was ich sah, musste laut gelesen werden, die Leuchtreklame in den Straßen, die Inhaltsangabe auf der Zahncremetube, die Verpackung der Milchtüte. Einfach alles.

Heute kam ich zufällig mit einer Mutter einer unserer Erstklässler zu diesem Thema ins Gespräch und sie erzählte, dass es mit ihrer Tochter ganz genau so sei: ständig müsse man irgendwo stehen bleiben, um sich Schilder und Beschriftungen ausführlichst zu erlesen, beim Frühstück dürfe man die Lebensmittelverpackungen nicht wegräumen, ehe sie zu ende studiert wurden.
Und letztens, so berichtete sie, hörte sie ihre Tochter vom Klo rufen:

"Guck mal, Mama. ich hab ein I gekackt. Wenn ich noch weiterdrücke, wird's ein L."

Dienstag, 7. Dezember 2010

Inkognito geht anders

Heute habe ich unterwegs Telefongespräche belauscht.

Ein Mann erzählte seinem Kumpel, dass er sich heute freigenommen habe und jetzt zum Sport fahre. Wie es ihm gehe? Ja. Freundin okay, Wohnung okay, Job okay.
Es gab einen kurzen Bericht über die aktuelle Berufssituation, dann wurde der gesundheitliche Zustand eines Familienangehörigen erörtert. Doch da schaltete ich (mühsam) ab, weil ich mehr gar nicht wissen wollte.

Jugendliche sind da grundsätzlich noch offener. Du erfährst einfach alles.
Gut, es ist mitunter schwierig, den ganzen komplizierten Handlungstrang eines komplexen Teenagervormittages nachzuvollziehen. aber vorausgesetzt, du kannst dem "ey, Alta, habisch doch gesagt, aba die Zicke ey, die geht ga nich! Mit der red isch kein Wort, die Hackfresse, ey! Und der Scheißmathelehrer, voll der Arsch, bin isch einfach gegangen!" folgen, biste VOLL informiert, Alta...

Faszinierend find ich auch immer, wenn jemand Dauergespräche in einer mir fremden Sprache, aber einer Lautstärke führt, so dass der ganze U-Bahn-Waggon teilhaben kann. Das ist ein bisschen so, als würde ein Polizeiwagen bei laufender Sirene im Stau stecken: du kannst sie nicht abstellen, aber du weißt auch nicht, was so dringend ist.

Nebenbei, ich finde, "belauschen" ist wohl kaum mehr das richtige Wort, wenn man zu beschreiben versucht, wie man wahllos über das Privatleben wildfremder Menschen informiert wird, die zufällig die selbe Sitzbank mit einem teilen.

...es ist schon eine merkwürdige Zeit, in der ich lebe. Menschen vertrauen Persönliches ungeniert, unbewusst oder gleichgültig jedem an, der ihren Weg kreuzt, inszenieren ihre Metamorphose von der Pubertät in die Pubertät in Containern und Casting Shows oder berichten der Welt über die beachtlichen Belanglosigkeiten ihres Alltags in einem Blog.

Verrückte Leute gibts.

Donnerstag, 25. November 2010

Dingdong

Vorhin klingelte mein Nachbar. "Meine Frau hat mich rausgeschmissen. Kann ich heute Nacht bei dir schlafen?"

Ich: ... (guckte wie die Kuh, wenns donnert)

Er: "War nur n Scherz. Wir hamm n Päckchen für dich entgegen genommen."

Mittwoch, 24. November 2010

Alle Kinder sitzen - außer Ute, die zieht ne Schnute.

Freitag Abend, U-Bahn. Fünf junge Leute, zwei Jungs, drei Mädels, vier Plätze.
Geht nicht auf, klar.

Eines der Mädchen kann keinen Sitzplatz ergattern.
Und da steht sie nun. Ihre Freunde sitzen, keiner bemerkt sie, keiner bietet ihr einen Platz an. Sie muss handeln!
Und was tut sie? SIE ZIEHT EINE SCHNUTE! Und was passiert? Einer der Jungs steht auf!

Geschafft, sie sitzt.

Ich muss sagen, ich war sehr beeindruckt.

Und ich muss sagen, ich hab das an dem Abend auch gleich mal ausprobiert mit dem Ergebnis, dass ein guter Freund loslief und mir ein Bier brachte!

Wahnsinn!

Ich geh jetzt einkaufen. Ohne Geld.